Satire • Aus dem echten Leben

Die Ü2 oder: Wie ich lernte, meinen Aufenthaltsort am Samstag vor der Sportschau 1984 zu lieben

Eine Behörde sucht händeringend einen IT-Spezialisten. Sie findet ihn. Die Teamleitung ist begeistert. Und dann sagt jemand das Wort, das jede Begeisterung in eine Aktenordner-Schlacht verwandelt: erweiterte Sicherheitsüberprüfung.

Stellen wir uns vor – rein hypothetisch, versteht sich – eine deutsche Behörde sucht jemanden, der weiß, an welchem Ende man einen SQL Server anfasst. Solche Leute sind selten. Man findet einen. Man ist begeistert. Man möchte ihn einstellen.

Und genau in diesem Moment, in dem alle zufrieden nicken, betritt ein Sachgebiet den Raum, dessen einzige Aufgabe darin besteht, Zufriedenheit in Formulare umzuwandeln. Es spricht den Satz aus, der den Kandidaten die nächsten vier Monate begleiten wird:

„Bevor wir weitermachen, brauchen wir noch eine erweiterte Sicherheitsüberprüfung. Ü2. Reine Formsache.“

Reine Formsache. Zwei Wörter, die in der Welt der Behörden ungefähr so beruhigend sind wie „das macht das Update gleich automatisch mit“ in der Welt der Datenbanken.

Akt 1: Der Fragebogen meldet sich zu Wort

Der Kandidat – nennen wir ihn der Einfachheit halber den Spezialisten – bekommt ein Dokument. Es hat mehr Seiten als das Handbuch seines ersten Autos. Es will alles wissen. Nicht ungefähr alles. Alles.

Wohnsitze der letzten Jahrzehnte. Lückenlos. Mit Hausnummer. Eine Lücke von drei Wochen, in denen man mal bei einem Freund auf der Couch geschlafen hat, ist kein vergessenes Detail – sie ist ein Sicherheitsrisiko. Irgendwo zwischen Wohnort Nummer sieben und Wohnort Nummer neun fragt man sich ernsthaft, ob man 2003 wirklich in dieser einen Straße gewohnt hat oder nur sehr oft dort war.

Und dann kommt die Frage, die alles ändert. Die Frage nach der Person, mit der man zusammenlebt.

Akt 2: Die Lebensgefährtin ist aus Vietnam

Hier möchte ich kurz innehalten, denn an dieser Stelle verwandelt sich ein normaler Verwaltungsvorgang in ein abendfüllendes Drama mit internationaler Besetzung.

Der Spezialist lebt nämlich mit einer wunderbaren Frau zusammen. Die Frau kommt aus Vietnam. Das ist für die beiden überhaupt kein Problem. Für den Fragebogen ist es der Auftakt zum zweiten Akt.

Denn nun reicht es nicht mehr, die Lebensgefährtin anzugeben. Jetzt möchte das Formular Bescheid wissen über:

  • die Eltern der Lebensgefährtin,
  • deren Berufe (aktuell und früher),
  • die Geschwister,
  • deren Anstellungsverhältnisse,
  • und am liebsten gleich die komplette Ahnenreihe bis zur Tante zweiten Grades, die irgendwo zwischen Hanoi und einem Reisfeld einen kleinen Laden betreibt. Oder betrieb. Oder vielleicht auch nicht.

Ein ehrlicher Zwischenruf

Und nein – ich kenne nicht die Berufe und Anstellungsverhältnisse der gesamten vietnamesischen Verwandtschaft. Ich kenne kaum die Telefonnummern meiner eigenen Cousins. Aber irgendwo in Deutschland sitzt jetzt jemand und erwartet von mir eine lückenlose Beschäftigungshistorie einer angeheirateten Großfamilie auf einem anderen Kontinent.

Man stelle sich das Telefonat vor. Zeitverschiebung sechs Stunden. Auf der einen Seite ein deutscher IT-Spezialist mit einem Behördenformular auf dem Schoß. Auf der anderen Seite eine Schwiegermutter, die sich völlig zu Recht fragt, warum ein deutsches Amt wissen will, ob ihr Bruder 1998 in der Genossenschaft oder in der Fabrik gearbeitet hat.

„Sag dem Amt, er hat in einer Fabrik gearbeitet.“ – „Welche Fabrik?“ – „Eine Fabrik. Es war 1998. Es war eine Fabrik.“

Akt 3: Wo waren Sie am Samstag, kurz vor der Sportschau?

Als hätte das Formular gespürt, dass der Spezialist langsam mürbe wird, legt es nach. Es möchte nun Aufenthaltsorte. Und zwar nicht von letzter Woche.

Ich übertreibe natürlich. Aber nur ein bisschen. Denn gefühlt fragt der Bogen: Wo genau haben Sie sich 1984 an einem Samstag, kurz vor der Sportschau, aufgehalten?

Und die ehrliche, einzig korrekte, leider behördlich vollkommen unbrauchbare Antwort lautet: Ich habe keine Ahnung. Ich war ein Kind. Ich habe vermutlich irgendwo gespielt, gegessen oder ferngesehen. Ich kann beim besten Willen kein Alibi für mein damaliges Ich beibringen. Es gibt keine Zeugen. Es gibt keine Logfiles. Mein Gedächtnis hat aus diesem Zeitraum exakt null Datenpunkte persistiert.

Als DBA fällt mir dazu nur eines ein: Da hat jemand eine Retention Policy ohne Backup-Strategie gefahren. Die Daten sind weg. Kein Point-in-Time-Recovery der Welt holt mir zurück, wo ich am 14. April 1984 um 17:58 Uhr stand.

# Behörden-Abfrage gegen das Langzeitgedächtnis SELECT Aufenthaltsort, Zeugen, Beleg FROM Erinnerung.dbo.Vergangenheit WHERE Datum = '1984-04-14' AND Uhrzeit BETWEEN '17:45' AND '18:00'; -- Msg 0, Level 0: 0 rows. Tabelle existiert, ist aber leer. -- log_reuse_wait_desc: NOTHING. Es ist einfach weg.

Was der Fragebogen nicht versteht

Der eigentliche Witz an der ganzen Sache ist nicht die Bürokratie an sich. Eine erweiterte Sicherheitsüberprüfung hat ihre Berechtigung – bei sensiblen Positionen will man wissen, mit wem man es zu tun hat. Geschenkt.

Der Witz ist die Annahme, die unter jeder Frage liegt: dass ein normaler Mensch sein Leben lückenlos protokolliert. Dass jeder von uns ein lückenfreies Audit-Log mit sich herumträgt. Dass die Schwiegerfamilie auf einem anderen Kontinent ein abrufbares HR-System ist. Dass Erinnerung ein Datenbankindex ist, den man nur sauber genug pflegen muss.

Ist sie aber nicht. Erinnerung ist ein fragmentierter Heap ohne Statistiken, der seit Jahrzehnten nicht reorganisiert wurde. Und die einzig ehrliche Antwort auf die meisten dieser Fragen lautet schlicht: „Das weiß ich nicht mehr, und das ist völlig normal.“

Das Happy End (vermutlich)

Am Ende wird der Spezialist den Bogen ausfüllen. So gut es eben geht. Mit vielen ehrlichen „nicht bekannt“ und einigen sehr kreativen Schätzungen über die Berufslaufbahn der vietnamesischen Verwandtschaft. Und irgendwann, Monate später, wird ein Stempel fallen, der bestätigt: Dieser Mensch ist unbedenklich.

Was er die ganze Zeit war. Auch ohne zu wissen, wo er 1984 vor der Sportschau stand.

Bis dahin gilt: Liebe Behörde, wenn Sie wirklich gute IT-Leute wollen – und Sie wollen sie wirklich – dann seien Sie sich bewusst, dass diese Leute mit Datenintegrität ihren Lebensunterhalt verdienen. Und gerade deshalb wissen sie genau: Ein Datensatz, den man nie erfasst hat, lässt sich nachträglich nicht ehrlich rekonstruieren. Auch nicht für Sie.

Diese Geschichte ist Satire. Ähnlichkeiten mit real existierenden Fragebögen, Sachgebieten und Schwiegerfamilien sind rein zufällig und gleichzeitig erstaunlich naheliegend. Es wurden keine vietnamesischen Verwandten bei der Erstellung dieses Textes telefonisch belästigt – obwohl es das Formular sicher gern gesehen hätte.

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